Trauer nach Suizid: wenn die Fragen bleiben

Vielleicht suchen Sie hier etwas, das Sie sonst niemanden fragen können.


Nach einem Suizid kommt zur Trauer etwas dazu, das andere Trauer nicht kennt. Wut auf einen Menschen, den Sie lieben. Scham, weil geredet wird. Schuldgefühle, die durch kein Argument kleiner werden.


Dazu kommt das Schweigen ringsum. Die meisten sagen lieber nichts als das Falsche. Sie fragen nicht nach, sie sprechen das Wort nicht aus, sie wechseln das Thema. Gemeint ist das als Rücksicht. Bei Ihnen kommt an, dass über diesen Tod nicht gesprochen wird.


Hier geht es um die Wörter, die verletzen, um die Frage, was Sie anderen erzählen und was Sie für sich behalten, und darum, was eine Trauerrede nach einem Suizid leisten kann. Erklärt wird hier nichts. Benannt wird, was geschehen ist, und gesprochen wird über den Menschen, der vorher da war.


Wenn Sie gerade selbst nicht weiterwissen: Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht erreichbar, kostenfrei und anonym. 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Suizid macht sprachlos


Ein Suizid beendet nicht nur ein Leben. Er hinterlässt eine Sprachlosigkeit, für die kaum jemand die richtigen Worte hat. Familien sitzen sich gegenüber und wissen nicht, was sie sagen sollen. Freunde wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Hilflos sind dabei fast alle, auch die, die es gut meinen. An einem Suizid hängt viel, was mit Ihrem Menschen nichts zu tun hat. Jahrhunderte, in denen diese Toten kein Grab auf dem Friedhof bekamen. Der Verdacht, es sei Schwäche gewesen oder Egoismus. Die Annahme, in der Familie hätte doch jemand etwas merken müssen. Die wenigsten sprechen das aus. In den Raum getragen wird es trotzdem, und Sie merken es an einer Pause oder an einem Blick.Und die Hinterbliebenen fragen sich: Konnte ich das verhindern? Hätte ich es sehen müssen? Bin ich schuld?


Diese Fragen sind Teil einer Trauer nach Suizid. Sie sind normal. Und sie sind ungerecht. Denn niemanden, der zurückbleibt, trifft eine Schuld. Aber diese Wahrheit auszusprechen braucht jemanden, die versteht. Jemanden, die nicht wegschaut.


Welche Wörter verletzen


Begangen wird ein Verbrechen. Wer sagt, jemand habe Suizid begangen, rückt einen Menschen neben einen Täter, und Angehörige hören das, auch wenn es niemand so meint. Ähnlich das Wort Selbstmord. Es trägt den Mord im Namen und stammt aus einer Zeit, in der diesen Menschen das Grab auf dem Friedhof verweigert wurde.

Es gibt eine Formulierung, die nichts beschönigt und niemanden anklagt. Er ist durch Suizid gestorben. Sie starb durch Suizid. Diese Sätze halten aus, was geschehen ist, ohne jemandem etwas zu unterstellen. Umschreibungen wie aus dem Leben geschieden verstecken den Tod dagegen ausgerechnet vor denen, die ihn längst kennen.

In meinen Trauerreden spreche ich so, und w
enn Sie andere Worte wünschen, sagen Sie es mir im Gespräch. Über den Menschen, um den es geht, wird dann in Ihrer Sprache gesprochen.


Was sagen wir den anderen


Eine der ersten praktischen Fragen lautet fast immer: Schreiben wir es in die Anzeige? Erzählen wir es den Kollegen? Und was sagen wir den Kindern?

Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Was mir in den Gesprächen begegnet, ist aber immer wieder dasselbe: Familien, die von Anfang an offen damit umgehen, haben es später leichter, weil sie nicht bewachen müssen, wer was weiß. Wer es verschweigt, trägt zur Trauer noch ein Geheimnis, und Geheimnisse dieser Größe halten selten lange.

Für Kinder gilt dasselbe wie bei jedem anderen Tod, mit einem Satz mehr. Sie brauchen die Wahrheit in einfachen Worten, sie brauchen zu hören, dass sie keine Schuld trifft, und sie brauchen die Gewissheit, weiter fragen zu können, auch in einem Jahr noch.


Wenn öffentlich darüber gesprochen wird


Stirbt ein bekannter Mensch durch Suizid, füllen sich Zeitungen mit Einzelheiten, und in den Kommentarspalten urteilen Fremde über etwas, das sie nicht kennen. Wer gerade selbst einen Menschen auf diese Weise verloren hat, liest das alles mit. Für Hinterbliebene sind das Tage, an denen sie das Radio ausschalten und das Telefon weglegen.


Was eine Trauerrede nach Suizid leisten kann


Eine Trauerrede nach Suizid kann aussprechen, was stumm gemacht wurde. Sie kann den Menschen würdigen, der gegangen ist. Nicht seine Entscheidung beschönigen. Aber die ganze Wahrheit seines Lebens erzählen. Was ihn getragen hat, was ihn erschöpft hat, seine Momente der Liebe und der Verzweiflung.

Eine freie
Trauerrede nach Suizid schafft Raum für die ganze Geschichte. Sie hilft den Hinterbliebenen, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Sie sagt: Dieser Mensch war mehr als sein Tod. Und Ihre Liebe zu ihm ist genauso real und genauso wichtig wie Ihre Trauer.


Der Tag, an dem alle es wissen


Vielleicht denken Sie jetzt schon daran, wie sie alle dasitzen werden und es wissen.

Deshalb benenne ich es. Einmal, früh, in einem Satz, ohne Erklärung. Wie dieser Satz lautet, stimmen wir vorher ab. Danach ist es gesagt, und der Rest der Trauerfeier gehört dem Leben dieses Menschen.

Wie so ein Satz entsteht und was im Raum passiert, wenn er gefallen ist, steht ausführlich unter Wie spreche ich in einer Trauerrede über Suizid.


Wie ich Sie begleite


Wenn Sie einen Menschen durch Suizid verloren haben, begleite ich Sie in der Metropolregion Rhein-Neckar und darüber hinaus. Das beginnt mit einem Gespräch, in dem Sie mir erzählen können, wer dieser Mensch wirklich war. Was ihn ausgemacht hat. Wo der Schmerz sitzt. Was Sie nicht verstehen können und vielleicht auch nie verstehen werden.

Meine Begleitung ist nicht nur die Trauerfeier. Ich bin für Sie auch vorher da, um all das auszusprechen, was gesagt werden muss. Und ich bin nachher für Sie da per Telefon, per Videocall oder persönlich, wenn Sie Halt brauchen. Wenn die Fragen wiederkommen. Wenn die Trauer in neuer Form aufbricht.

Sie sind nicht allein mit dieser
Trauer. Rufen Sie an, wenn Sie so weit sind.


Wenn die anderen weitergehen


Nach ein paar Wochen hört das Telefon auf zu klingeln. Das ist nach jedem Tod so. Nach einem Suizid kommt etwas dazu: Die Menschen um Sie herum wissen nicht, ob sie fragen sollen, und entscheiden sich meistens dagegen. Bei Ihnen kommt an, dass das Thema erledigt ist.

Es ist nicht erledigt. Die Fragen bleiben, und sie kommen in Wellen. An seinem Geburtstag. An dem Tag, an dem es passiert ist. Manchmal an einem Dienstag ohne Anlass.

Eine Antwort auf das Warum bekommen Sie nicht. Das ist das Schwerste an dieser Trauer, und niemand kann es Ihnen abnehmen. Aushalten lässt es sich trotzdem, und mit der Zeit wird das Aushalten leichter.

Wenn Sie darüber sprechen möchten, ohne dass jemand ausweicht, bin ich auch Monate nach der Trauerfeier noch da.


Weitere Unterstützung


Wenn Sie sich zusätzliche Unterstützung wünschen, können Ihnen folgende Organisationen helfen:


AGUS (Angehörige um Suizid)


Telefonseelsorge


Referenzen

Texte zum Weiterlesen

Videos zum Thema

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Bestattungsarten erklärt

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